Advertisement

„Etwas Menschliches ist verloren gegangen“. Erfahrungen leitender Ärzte in Bezug auf das DRG-System – eine qualitativ-normative Analyse

Published:November 15, 2017DOI:https://doi.org/10.1016/j.zefq.2017.10.003

      Zusammenfassung

      Bereits wenige Jahre nach der Einführung des DRG (Diagnosis Related Group)-Systems beklagten Ärzte negative Effekte auf die Qualität der stationären Patientenversorgung. Die vorliegende Studie erhebt, welche aktuellen Erfahrungen leitende Ärzte mit den Auswirkungen des DRG-Systems auf die Versorgungsqualität und die ärztliche Professionalität gemacht haben. In neun qualitativen, leitfadengestützten Experteninterviews wurden Ärzte in leitenden Positionen zu ihren Erfahrungen im Umgang mit dem DRG-System im ärztlichen Alltag befragt. Die Interviewteilnehmer berichten von einer durch Fallzahlsteigerung bedingten Arbeitsverdichtung, einer Lockerung der Indikationsstellung sowie der Verweildauerreduzierung. Die befragten Ärzte gaben weiter an, sich zunehmend durch ökonomische Rahmenbedingungen eingeschränkt zu fühlen. Zudem begünstige ihrer Meinung nach die Anreizstruktur des DRG-Systems die Benachteiligung vor allem alter, pflegebedürftiger und multimorbider Patienten. Eine Möglichkeit diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, bietet neben der ordnungspolitischen Umgestaltung der ökonomischen Anreizstruktur auch eine Stärkung einer zeitgemäßen professionsethischen Ausbildung und Lehre.

      Abstract

      Only a few years after the implementation of the G-DRG (German Diagnosis Related Group) system physicians already began to complain of its negative effects on the quality of inpatient healthcare. The present study examines the recent experiences senior physicians have made with regard to the impact of the G-DRG system on the quality of healthcare and medical professionalism. Nine qualitative guided expert interviews were conducted focusing on the experiences of physicians in leading positions dealing with the G-DRG system in their everyday work. The interviewees report an intensification of work attributable to an increasing number of inpatient cases, a more lenient definition of medical indications and a reduction in patient retention time. The physicians interviewed have felt increasingly constrained by economic conditions. Additionally, they stated that the G-DRG system's incentive structure encourages the discrimination of older, care-dependent and multimorbid patients. Possible countermeasures include a political revision of incentive regulation as well as a strengthening of up-to-date professional ethical education and teaching.

      Schlüsselwörter

      Keywords

      To read this article in full you will need to make a payment

      Purchase one-time access:

      Academic & Personal: 24 hour online accessCorporate R&D Professionals: 24 hour online access
      One-time access price info
      • For academic or personal research use, select 'Academic and Personal'
      • For corporate R&D use, select 'Corporate R&D Professionals'

      Literatur

        • Sangha O.
        Begleitende Strukturmaßnahmen eines DRG-Vergütungssystems in Deutschland.
        in: Arnold M. Litsch M. Schnellschmidt H. Ackermann T. Krankenhaus-Report 2000. Vergütungsreform mit DRGs, Schattauer, Stuttgart, Schwerpunkt2001: 87-98
        • Vollmann J.
        DRG-Vergütung und ärztliche Professionsethik.
        in: Kettner M. Koslowski P. Wirtschaftsethik in der Medizin. Wie viel Ökonomie ist gut für die Gesundheit? Wilhelm Fink, München2011: 97-114
      1. Deutscher Bundestag, Entwurf eines Gesetzes zur Einführung des diagnose-orientierten Fallpauschalensystems für Krankenhäuser (Fallpauschalengesetz-FPG). http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/068/1406893.pdf, 2001 (accessed 06.12.16).

        • Fleischhauer K.
        Die Regulierung der medizinischen Versorgung in Deutschland. Normsetzung und Normen in der gesetzlichen und in der privaten Krankenversicherung – Eine Einführung.
        LIT Verlag, Berlin2015
        • Simon M.
        Das deutsche DRG-System: Grundsätzliche Konstruktionsfehler.
        Dtsch. Arztebl. 2013; 110: A1782-A1786
        • Bode I.
        • Vogd W.
        Mutationen des Krankenhauses.
        in: Bode I. Vogd W. Mutationen des Krankenhauses: Soziologische Diagnosen in organisations- und gesellschaftstheoretischer Perspektive. Sorubger VS, Wiesbaden2016: 1-25
        • Braun B.
        • Buhr P.
        • Klinke S.
        • Müller R.
        • Rosenbrock R.
        Pauschalpatienten, Kurzlieger und Draufzahler – Auswirkungen der DRGs auf Versorgungsqualität und Arbeitsbedingungen im Krankenhaus.
        Huber, Bern2009
      2. Buhr P, Klinke S, Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik, editors. Versorgungsqualität im DRG-Zeitalter: erste Ergebnisse einer qualitativen Studie in vier Krankenhäusern (ZeS-Arbeitspapier 06/2006). http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-109266, 2006 (accessed 30.11.16).

        • Sens B.
        • Wenzlaff P.
        • Pommer G.
        • von der Hardt H.
        DRG-induzierte Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Organisationen, Professionals, Patienten und Qualität.
        Angewandte Versorgungsforschung mit überraschendem Ergebnis, ZEFQ. 2009; 103: 549-552
      3. Fürstenberg T, Laschat M, Zich K, Klein S, Gierling P, Nolting H-D, Schmidt T. G-DRG-Begleitforschung gemäß § 17b Abs. 8 KHG. Endbericht des dritten Forschungszyklus (2008 bis 2010). https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung_1/krankenhaeuser/drg/drg_begleitforschung/DRG_Begleitforschung_Endbericht_3_Zyklus_2008_-_2010_2013_03.pdf, 2013 (accessed 01.04.17).

        • Ernst C.
        Krankenhaus-Controlling und monetäre Anreize für leitende Ärzte.
        Eine Agency-theoretische Analyse, Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden. 2000; : 18f
        • Mayring P.A.E.
        Qualitative Inhaltsanalyse.
        Grundlagen und Techniken, Beltz, Weinheim. 2015;
        • Strech D.
        • Börchers K.
        • Freyer D.
        • Neumann A.
        • Wasem J.
        • Marckmann G.
        Ärztliches Handeln bei Mittelknappheit. Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie.
        Ethik Med. 2008; 20: 94-109
        • Maio G.
        Gefährdung der Patientensicherheit im Zeitalter der DRGs.
        ZEFQ. 2014; 108: 32-34
        • Jansen C.
        Engpässe bei der Versorgung stationärer Patienten – aufgrund des Krankenhausfinanzierungsrechts.
        ZEFQ. 2010; 104: 387-391
        • Zentrale Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Ärztliches Handeln zwischen Berufsethos und Ökonomisierung
        Das Beispiel der Verträge mit leitenden Klinikärztinnen und –ärzten.
        Dtsch. Arztebl. 2013; 110: A1752-A1756
        • Vogd W.
        Verändern sich die Handlungsorientierungen von Krankenhausärzten unter den neuen organisatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen? Ergebnisse einer rekonstruktiven Längsschnittstudie.
        Soz. Sinn. 2006; 7: 197-229
        • Hibbeler B.
        Stationäre Behandlung: Der alte Patient wird zum Normalfall.
        Dtsch. Arztebl. 2013; 110: A1036-A1037
      4. Deutscher Ethikrat. Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus. http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-patientenwohl-als-ethischer-massstab-fuer-das-krankenhaus.pdf, 2016 (accessed 24.11.16).

        • Piening E.P.
        Prozessdynamiken der Implementierung von Innovationen.
        Wiesbaden, Gabler2010
        • Salloch S.
        • Otte I.
        • Ruiner C.
        • Vollmann J.
        Medizin trifft Ökonomie. Werkstattbericht zu einem interprofessionellen Lehrprojekt.
        Ethik Med. 2016; 28: 67-70
        • Marckmann G.
        • Maschmann J.
        Zahlt sich Ethik aus? Notwendigkeit und Perspektiven des Wertemanagements im Krankenhaus.
        ZEFQ. 2014; 108: 157-165